Amalie von Oldenburg - Königin von Griechenland

Ein Märchen endet im Exil

Amalie von Oldenburg: Gemälde von Friedrich Becker aus dem Jahr 1849.

Was für ein Ereignis im von Sensationen nicht eben verwöhnten Oldenburg: Die blutjunge Herzogin heiratet. Und zwar nicht irgendwen, sondern einen richtigen König. Wir schreiben das Jahr 1836, Otto I. von Griechenland (1815-1867), bayrischer Prinz auf griechischem Thron, vermählt sich mit der 18-jährigen Amalie aus dem Hause Oldenburg. Die dem Adel überwiegend ergebenen Oldenburger stehen Kopf. Man ist loyal und hält Staatsraison für eine Tugend. Die „Oldenburgischen Blätter“ würdigen die Vermählung in mehreren Fortsetzungsgeschichten. 16 Tage dauern die Feierlichkeiten, auf dem Programm steht eine unablässige Folge von Empfängen, Theaterbesuchen, Diners und die Aufwartung zahlloser Gratulanten. Es hätte der Beginn eines Märchens sein können, aber mit Blick auf das Ende muss man von einer griechischen Tragödie sprechen. 30 Jahre regierte Otto (unterstützt von seiner Frau) in Griechenland. Letztlich lebte und herrschte das Paar am Volk vorbei. Trotz unbestrittener Errungenschaften für das Land, blieb der große Regierungsentwurf aus. Im Jahr 1862 rebellierten die domestizierten Griechen gegen den ungeliebten Thron. Otto und Amalie blieb nur die Flucht nach Franken.

Dabei hatte sich zunächst alles wie von Zauberhand gefügt für die junge Amalie. 1832 wird Otto der griechische Thron zugesprochen – so hatten es England, Frankreich und Russland mit Zustimmung der griechischen Nationalversammlung bereits 1830 auf der Londoner Konferenz beschlossen. Vorausgegangen war der siegreiche Unabhängigkeitskrieg der Griechen gegen das Osmanische Reich. Die Folge war nicht die von vielen ersehnte Republik, sondern ein Bürgerkrieg zwischen republikanischen Kräften, Reaktionären und Milizen. In dieser Situation griffen die europäischen Großmächte ein, votierten für ein Königreich Griechenland und bestimmten Otto I. als Regenten. Der damals noch minderjährige Bayernprinz wurde von einem heimischen Regentschaftsrat unterstützt. Die Berater kannten sich in der Antike aus, zum bäuerlichen Griechenland des 19. Jahrhunderts hatten sie keinen Zugang. Otto und sein Stab regierten vielfach gegen das Volk, Gesetze wurden durchgepeitscht, ohne die Bevölkerung mitzunehmen.

Davon weiß die 14-jährige Amalie im fernen Oldenburg noch nichts. Sie hat von Ottos Thronbesteigung gehört, kennt ein Bild, das den jungen Herrscher zeigt, und erklärt bündig: Diesen Mann will ich heiraten, ich will Königin werden.

Bereits vier Jahre später erfüllt sich ihr Wunsch. Otto ist auf Brautschau, hinter den Kulissen wurden bereits Fäden gesponnen, der bayrische Hof hält Amalie für eine gute Partie. In Franzbad in Böhmen wird das Paar einander zugeführt. Otto schreibt an seinen Vater, er sei auf dem besten Wege, echte Liebe „für das anbetungswürdige Geschöpf“ zu empfinden.

Tatsächlich war Amalie eine schöne Frau. Nur ihr Temperament musste noch gezügelt werden. Es ist Biedermeierzeit, das Frauenbild weich gezeichnet, man bevorzugt den passiven, sanften Typ. Amalie aber ist von Natur aus ungestüm. Sie liebt es, wild zu reiten. Sie hat Witz, ist blitzgescheit und impulsiv. Anders als den Regentinnen des 18. Jahrhunderts, ist es Adelsfrauen ihrer Generation aber keineswegs gestattet, eine derart eigenständige Persönlichkeit zur Schau zu tragen. Wo Katharina die Große (1729-1762) mit Macht, Intrigen und schierer Herrschaftsfreude zum Ziel gelangen durfte, hatte sich Amalie am Ideal duldsamer Weiblichkeit zu orientieren. Es gelang ihr nur bedingt. Während ihrer Regentschaft nahm sie nach außen die propagierte Frauenrolle an. Sie ging A ihren repräsentativen Pflichten nach, reiste sittsam in volkstümlicher Kleidung durchs Land. Und sie war eine meisterhafte Gärtnerin. Noch heute zeugt der Nationalgarten in Athen, ein grünes Refugium der Stille in einer lärmenden Stadt, von ihren botanischen Fähigkeiten. Außerhalb des Protokolls aber schrieb Amalie griechische Geschichte mit. Nicht zuletzt auf ihren Einfluss geht der Aufbau des griechischen Schulwesens zurück, die Gründung der Universität, der Staatsbibliothek und des Nationalmuseums.

War Otto auf Reisen oder krank, vertrat ihn Amalie offiziell. Aus diesen Zeiten ist Folgendes überliefert: Der zögerliche Otto liest alle ihm vorgelegten Unterlagen sorgfältig durch und unterschreibt nichts. Die spontane Amalie liest nichts und unterschreibt alles.

Die als glücklich geschilderte Ehe bleibt kinderlos, trotz der Torturen, die der Leibarzt Amalie verordnet, darunter Aderlass und Blutegelkuren. Es ist auch die ungelöste Frage der Thronfolge, die den unfreiwilligen Abschied des Königspaares von der Macht beschleunigt.

1862 bricht in Nauplia ein Aufstand aus, der sich wie ein Flächenbrand ausweitet. Eine der Forderungen ist die Entthronung des Königs. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Großmächte bereits von Otto abgewandt. Am Sonntag, den 14. Oktober 1862, macht sich das verfolgte Königspaar an Bord der englischen Fregatte „Scylla“ auf den langen Weg über das Mittelmeer nach Bayern. Zeitzeugen berichten, dass die Eheleute beim Ablegen an Deck standen, um ein letztes Mal auf den Peloponnes zu schauen – mit Tränen in den Augen.

Otto stirbt am 26. Juli 1867 in seinem Bamberger Exil. Amalie soll seinen Tod nicht verwunden haben. Sie folgt ihm acht Jahre später, am 20. Mai 1875, laut Protokoll „gefasst und gottergeben“.