Der Charme der Silberfrauen

Im „Atelier 5“ setzen Maria-Anna Nordiek und Susann Gähde auf das Besondere

Große Kunst in kleinem Raum: Susann Gähde und Maria-Anna Nordiek in ihrer Werkstatt

Seit 17 Jahren betreiben die Kunsthandwerkerinnen Maria-Anna Nordiek und Susann Gähde ihre Ateliergemeinschaft in Sandhatten. Konsequent verweigern sie sich der Massenware und treffen damit den Geschmack einer treuen Kundschaft, die auch aus Hamburg oder Köln anreist.

In einem Ausstellungskasten steht eine kleine silberne Frauenfigur. Sie trägt ein altmodisch anmutendes Kostüm, einen winzigen Hut und in der Hand ein Köfferchen. Geht sie oder kommt sie? „Ach, das wüsste ich auch gerne“, lacht Maria-Anna Nordiek. Eigentlich müsste sie es wissen, denn sie ist die Urheberin der eiligen Dame. Aber die Frage nach Abschied oder Ankunft beantwortet sie sich je nach Stimmungslage anders, und letztlich bleibt es der Phantasie der Betrachter überlassen, ob die Silberfrau das Weite sucht oder das Nahe findet. Einige Schritte entfernt ist ein stilisiertes Boot ausgestellt, einer Arche nicht unähnlich. Eine nur wenige Zentimeter große Raubkatze spannt darin die Muskeln an. „Traum 7“ heißt die Miniatur aus Ebenholz und Silber, und wieder liefert die Gestalterin keine Erklärung für das Objekt. „Ich erzähle gerne Geschichten mit offenem Ausgang“, so Maria-Anna Nordiek. Das Resultat dieser Fabulierlust sind veredelte Figuren von leiser Eleganz, die zum Spekulieren anregen, die man gerne betrachten und zuweilen auch besitzen möchte. Das freut Nordiek, denn sie ist freischaffende Künstlerin und lebt vom Verkauf ihrer Arbeiten.
Dasselbe gilt für Susann Gähde, mit der Nordiek seit rund 17 Jahren die Ateliergemeinschaft „Atelier 5“ in Sandhatten betreibt. Auch Gähdes Kunst erzählt eine Geschichte, allerdings eine präzise, was ihrer Arbeitsweise entspricht. „Am Anfang war ein Stück Kartoffelsack“, verkündet sie pragmatisch und zeigt einen feinmaschigen Anhänger mit Bernsteinbesatz. Wenn man es weiß, erkennt man die Struktur des formgebenden Stoffs auf den ersten Blick. Mit minimalem Werkzeug hat Susann Gähde auf den Sackflicken Spezialwachs aufgetragen, wie es auch Zahntechniker verwenden. Das derart präparierte Stück hat sie dann in Gips gebettet und im Schleuderverfahren in Silber gegossen. Während dieser hochtemperierten Prozedur verbrennt das Wachs rückstandslos, während das Silber bleibt und die Struktur der Ursprungsform annimmt. „Nach demselben Prinzip werden Zahnprothesen gegossen“, weiß Susann Gähde. Mit einer verlorenen Gussform (so der Fachbegriff) hat sie zum Beispiel auch eine schmale Feder als Anstecknadel gefertigt. Deutlich sind die zarten Maserungen der Vorlage zu erkennen, entstanden ist ein in Silber geronnener Augenblick, der Natur entlehnt.

Filigrane Fischgräten

Maria-Anna Nordiek und Susann Gähde sind professionelle Kunsthandwerkerinnen, auch wenn nirgendwo in ihrem Atelier ein Meisterbrief hängt. Sie haben sich ihr Handwerk selbst angeeignet, und wer ihre biografischen Daten liest, meint zu wissen, dass sie über weite Wege zur Kunst gelangten. Das stimmt, und stimmt auch wieder nicht. Beide kommen aus Familien, in denen Kreativität einen hohen Stellenwert besitzt, beide waren immer schon schöpferisch tätig. Nach einem Besuch ihres Ateliers scheint es geradezu zwangsläufig, dass diese ideenreichen, fingerfertigen Frauen ihre Bestimmung in der Bearbeitung von Silber und Feingold, Aquamarin, Bernstein, Muscheln und Perlen fanden. Sie beherrschen die verschiedenen Gusstechniken, sie sind firm im Gebrauch zwergenhafter Feilen, Sägen und Hämmerchen, um das jeweilige Material in die gewünschte Form zu bringen. Sie löten und nieten und geben im finalen Arbeitsgang den Schmuckstücken durch Schleifen und Polieren den letzten Schliff. Ihr Atelier in Sandhatten birgt Kleinode, darunter Anhänger, die an erodiertes Gestein, an filigrane Fischgräten oder an sehr kleine Nilpferde erinnern. Als Form dienten Maria-Anna Nordiek hier Plastikfigürchen aus Überraschungseiern. „Ich experimentiere gerne“, sagt sie. Tierfiguren zieren auch manche ihrer Ringe und geben dem Handschmuck den unverkennbaren Reiz des Besonderen.
In einer alten, liebevoll renovierten Stellmacherei in Sandhatten, in der Nordiek und Gähde ihr Atelier eingerichtet haben, finden die von ihnen kreierten Schmuckstücke eine ideale Heimstatt. Mit Mitteln aus der Dorferneuerung und der Hilfe ihrer handwerklich begabten Väter haben die Frauen das alte Anwesen in ein schmuckes Gebäude umgestaltet. Jetzt flackert ein Feuer im Kamin, vor dem sich die zutrauliche Hündin Elja zusammenrollt, während die etwas mopsige Katze Dickmietz lautlos die Treppe herunterschleicht. Fehlt noch Kater Joe, doch der streunt im Garten herum. „Das Haus war in einem sehr schlechten Zustand, als wir es kauften“, erinnern sich die beiden. Mit viel Mühe, Zeit und Geduld ist es zu dieser behaglichen Arbeitsstätte geworden, in der die ehemalige Sonderpädagogin Maria-Anna Nordiek und die Ex-Dolmetscherin Susann Gähde mit kleinem Gerät zur Tat schreiten. Im Kunsthandwerk fand Maria-Anna Nordiek ihre Berufung: Sie produziert filigrane Arbeiten aus Gold, Silber und Aquamarin.

Mut zur Größe

„Es war schon immer mein Wunsch, mit Metall zu arbeiten“, erinnert sich Maria-Anna Nordiek, „Produkt-Design mit Schwerpunkt Metall wollte ich machen.“ Anregungen gab es zu Hause in Fülle, denn die Brüder ihrer Mutter waren Uhrmacher und Goldschmied. „Die Atmosphäre in den Werkstätten meiner Onkel hat mir bereits als Kind gefallen. Da lagen Edelsteine und glänzende Ringe auf den Arbeitstischen, ich fand das toll“, schwärmt die gebürtige Cloppenburgerin.
Nach dem Abitur geht sie nach Hamburg, doch mit der Design-Ausbildung wird es nichts, Maria-Anna ist 20 Jahre alt und wird schwanger. „Ich war der Meinung, dass ich meinem Kind eine solide Ausbildung und einen bodenständigen Beruf schuldig bin.“ Sie studiert Sonderpädagogik (und Kunst im Nebenfach) und tritt 1979 eine Lehrerstelle in Oldenburg an. Zwei Jahre später beginnt sie, in Metallwerkstätten zu arbeiten. Durch eine Kollegin bekommt sie Kontakt zu Wolfgang Hauke, einem Goldschmiedemeister in Neusüdende, bei ihm lernt sie ihr künftiges Metier kennen. Hauke – „ein wunderbarer Goldschmied“, wie seine ehemalige Schülerin sagt – bringt ihr zunächst die Basis und dann die Feinheiten jenes Handwerks bei, dem sie sich fortan verschreibt. Zusätzlich bildet sie sich fort, besucht Kurse im In- und Ausland, feilt an ihrem Stil und entwickelt eine eigene Handschrift. „In Jerusalem habe ich den Mut zur Größe bekommen“, sagt sie und weist auf die Vitrinen. Ringe von beeindruckender Statur sind darin ausgestellt. Es sind ungewöhnliche Arbeiten, sie liegen schwer in der Hand und sind dennoch nicht klotzig.
Wenn sie die Stationen ihrer Biografie betrachtet, erscheint es Maria-Anna Nordiek trotz der Abzweigungen wie vorbestimmt, dass sie bei der Kunst landete. „Bereits als meine Tochter noch klein war, habe ich gemalt und gebildhauert, ich hatte keine andere Wahl, ich kann Auch Susann Gähde drückt sich mit feinen und präzisen Schmuckstücken bevorzugt in Silber und Gold aus. 56 nicht anders“, lacht sie. Nachfühlen kann sie daher auch die Entscheidung ihrer Tochter, ebenfalls einen kreativen Beruf zu ergreifen. Sie ist Fotografin, arbeitet beim Film und ist aktuell für Aufnahmen in Neuseeland unterwegs, in einem Land, das auch Susann Gähde inspirierte.

Fröhliche Anarchie

Susann Gähde wurde in Hamburg geboren und absolvierte in München eine Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin. 1973 nimmt sie – wieder zurück in der Hansestadt – ein Studium der Sozialwissenschaften auf. 1980 fängt sie an, in Kunstwerkstätten zu arbeiten. Auch Gähde kommt aus einer Familie, von der kreative Impulse ausgehen. Ihre Mutter war Gewandmeisterin beim Theater, und auch sie hat schon in früher Jugend „gebastelt und gemalt“. Gleichzeitig hatte sie Freude am Umgang mit Sprachen, die ihr in der Berufspraxis allerdings gründlich verleidet wurde. „Nach der Ausbildung war ich im technischen Übersetzungsbereich tätig, das war sehr trocken, sehr spröde und hat mir nicht gefallen“, resümiert sie.
Susann Gähde zieht aufs Land, dort lebt sie in einem Wohnprojekt und macht erste Erfahrungen mit der Töpferscheibe. Das ist ein Anfang, aber noch nicht das richtige. „Die Arbeit mit Ton war mir zu klebrig und zu grob“, bekennt sie freimütig. Später findet sie in Edelmetall, Steinen, Glas und anderen Materialien jene Zutaten, die sie herausfordern, etwas aus ihnen zu machen. Durch gemeinsame Bekannte lernen sich Maria-Anna Nordiek und Susann Gähde in den 1980er Jahren kennen. Zusammen mit anderen Kunsthandwerkerinnen betreiben sie zunächst das „Atelier Alte Molkerei“ in Kirchhatten, ehe sie 1990 ihre Ateliergemeinschaft in Sandhatten eröffnen. Büroalltag mit Stechuhr gibt es Arbeiten von Susann Gähde. 57 hier nicht, aber die hierzulande obligatorischen acht Arbeitsstunden kommen auch im „Atelier 5“ schnell zusammen. Und die Ideen? Werden sie rar nach so vielen Jahren des Kunstschmiedens? „Nein, im Gegenteil“, sagt Maria-Anna Nordiek. „Wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, werde ich eigentlich ständig inspiriert.“ Susann Gähde bekommt ihre Einfälle oft, während sie mit einem ihrer Islandpferden über Land reitet. „Dann geht sie direkt ins Atelier und legt los“, beschreibt Nordiek die Zielstrebigkeit der Kollegin. Sie selbst ist anders. „Ich mache auch schon mal lange Pausen, verwerfe einen Gedanken, fange wieder von vorn an. Bei mir herrscht fröhliche Anarchie“, schmunzelt sie.

Ein Zimmer der Alchemie

Teilen sie eine Philosophie? „Wir sind schon recht unterschiedlich“, lautet die Antwort. „Ich bin sehr präzise und detailfreudig“, sagt Susann Gähde. „Und ich gehe schwungvoll aufs Ganze“, lacht Maria-Anna Nordiek. Aber natürlich haben sie doch etwas gemeinsam: den Anspruch der Unverwechselbarkeit. „Wir eifern nicht der konfektionierten Massenware nach“, sind sie sich einig. Das wissen auch ihre Kundinnen und Kunden zu schätzen, die nicht nur aus der Region, sondern auch aus Metropolen wie Hamburg, Hannover und Köln in das kleine Dorf ins Oldenburgische kommen, um hier einzigartigen Schmuck zu erstehen.
Individuelles Gestalten ist auch das Prinzip der Kurse, die die Künstlerinnen in ihrem Atelier anbieten, ihr zweites Standbein und ein nachgefragtes zudem. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen unter fachkundiger Anleitung, Schmuckstücke nach eigenem Geschmack herzustellen, der ihre persönlichen Vorlieben ausdrückt – Vorkenntnisse sind dazu nicht erforderlich. Zehn Arbeitsplätze stehen zur Verfügung, unter den Absolventen sind richtige Fans, die seit Jahren immer wieder kommen. „Nur ein einziges Mal hat eine Frau den Kurs abgebrochen, weil sie die Feinarbeiten nervös machten“, erzählt Susann Gähde. In der Regel sind die kompetent Angeleiteten angetan von der Möglichkeit, ihr individuelles Design zu entwickeln. Einige Schülerinnen nahmen den Unterricht zum Anlass, eine Goldschmiedeausbildung aufzunehmen, wieder andere richteten sich zu Hause einen kleinen Arbeitsplatz mit Grundausstattung ein.
„Man braucht nicht viel Platz für unsere Arbeit“, resümieren Nordiek und Gähde und zeigen ihre Werkstatt. Es ist ein schmaler Raum mit langen Tischen, auf denen sich mannigfaltiges Rohmaterial findet, ein Zimmer der Alchemie, in dem wie aus dem Nichts charmante silberne Damen entstehen, die aufbrechen oder ankommen.

Mehr Informationen
Atelier 5 Maria-Anna Nordiek / Susann Gähde
Huntloser Straße 5,26209 Sandhatten
Telefon 04482/8132