Durchschnaufen mit dem Hasbruchwalker

Milch & mehr: das Melkhus Tönjes in Vielstedt

Besondere Raststätte mit gesundem Treibstoff: In der Wildeshauser Geest gibt es 11 Melkhüser.

Ob Buttermilchshake oder Quarktraum: Ute Tönjes serviert in ihrem Melkhus Gaumenfreuden der besonderen Art. Doch es geht ihr um mehr als den Verkauf schmackhafter Milchspeisen. Auf ihrem Hof möchte sie den Gästen vor allem die zeitgemäße Landwirtschaft näher bringen. 

Mintgrün schimmert die eiskalte Flüssigkeit im Glas, gekrönt von einer Sahnehaube. „Vorsicht, das Getränk kann süchtig machen“, warnt Ute Tönjes den Besuch. Aber dafür ist es schon zu spät, die Entscheidung ist gefallen, es soll der After-Eight-Shake sein. Schließlich hat Ute Tönjes ihn als ihren „Renner“ vorgestellt. Also umrühren und mit Hilfe des Strohhalms kosten. Und wirklich, Pfefferminzfrische und süßherbe Schokoaromen überzeugen auf ganzer Linie. Der belebende Shake aus Milch, Minze- Sirup, Eis und Sahne ist nur eines von vielen schmack-  36 37 haften Getränken, die Ute Tönjes in ihrem Melkhus in Vielstedt bei Hude anbietet. Zum Repertoire zählen auch der Hasbruchwalker (ein Buttermilchshake) sowie Bounty, ein Hauch Karibik aus Vollmilch, Banane, Kokosraspel und Sahne. Außerdem gibt es Milchreis sowie Quarkund Joghurt-Speisen in vielen Variationen.

Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, wird zum Wiederholungstäter. Man muss es ja nicht gleich so toll treiben wie der Handwerker, der bei Tönjes den Hof pflasterte und sich in der Pause durch die Speisekarte trank. Sieben Milchshakes schaffte der Mann. „Mir wurde schwindlig beim Zusehen“, erinnert sich die Gastgeberin, die auch Kaffee und Gebäck im Angebot hat. Sogar eine Cappuccino-Maschine hat sie angeschafft. „Besonders die Männer wollen sonntags Kaffee und Kuchen, sonst radeln sie verstimmt ins nächste Café“, hat Ute Tönjes erlebt. Von Mai bis Oktober, jeweils von 10 bis 19 Uhr, ist ihr Melkhus geöffnet. An Sonntagen und auf Anfrage mit Bedienung, ansonsten sind die Gäste aufgefordert, sich Speisen und Getränke selbst zu servieren. Eine kleine Kasse in Gestalt einer Porzellankuh steht auf dem Tresen.

Reich wird Ute Tönjes mit dem Melkhus nicht. Die Tankstelle mit dem gesunden Treibstoff, die sich bevorzugt an Radwanderer wendet, garantiert nicht einmal einen nennenswerten Nebenverdienst, wie sie erklärt. Aber das Aufbessern der Haushaltskasse sei auch nicht ihr vorrangiges Ziel. Ute Tönjes möchte ihren Besuchern einen Einblick in die zeitgemäße Landwirtschaft geben. „Gerade Kinder wissen oft gar nicht, woher die Milch kommt“, sagt sie. Und auch die Erwachsenen hätten hier durchaus noch Informationsbedarf. „Vielen ist gar nicht bewusst, dass eine Kuh einmal im Jahr kalben muss, damit sie regelmäßig Milch geben kann“, so die Fachfrau. Selbst die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast habe geglaubt, es reiche ein Kalb und die Kuh sei gerüstet, fünf Jahre lang ununterbrochen Milch zu liefern. Mit solchen und ähnlichen Irrtümern räumt Ute Tönjes gerne auf.

Massage im Stall

Gemeinsam mit ihrem Mann Jan-Bernd betreibt sie auf dem 55 Hektar großen Hof vorwiegend Milchviehwirtschaft; 50 Kühe hat der Betrieb, der seit Generationen in Familienbesitz ist. Nach Absprache können Gäste gerne beim Melken zuschauen. Für Kinder ist ein abwechslungsreicher Spielplatz eingerichtet. Noch spannender ist für die jungen Besucher aber die Möglichkeit, Kälber, Ziegen, Katzen und Kaninchen zu streicheln und mit Dackeldame Dori zu spielen. Die ist alles andere als ein strenger Hofhund, sondern eine freundliche Gesellin, die Besucher schwanzwedelnd begrüßt.

Die Tönjes-Kühe haben es gut getroffen, man sieht es, wenn Ute Tönjes den Stall zeigt. Die Liege- und Futterplätze sind geräumig und sauber, regelmäßig schiebt eine spezielle Maschine den Mist der Tiere beiseite. Von April bis in den Dezember hinein können die Kühe auf die Weide. Sind sie doch einmal im Stall, lassen sie sich gerne moderne landwirt schaft von einer elektrischen Bürste verwöhnen, die ihnen mittels sanftem Kopfdruck die gewünschte Massage verabreicht. Zweimal am Tag werden die Kühe gemolken. Morgens um sechs schließt die Schwiegermutter die elektrische Melkmaschine an, abends übernimmt Ute Tönjes den Dienst.

Im Melkhus hängen zahlreiche Ehrenurkunden, mit denen der Familienbetrieb für seine leistungsstarken Kühe ausgezeichnet wurde. Der Milchertrag, so sagt Ute Tönjes, hänge stark davon ab, wie die Tiere behandelt werden. Ein sauberer Stall und gutes Futter seien auch aus wirtschaftlichen Gründen unerlässlich. Mag sie ihre Kühe? „Natürlich“, lautet die Antwort. Und dann holt sie ein Foto hervor, dass sie sich aus der Lokalzeitung ausgeschnitten und eingerahmt hat. Es zeigt einen jungen Züchter aus Großenkneten, dessen Kuh „Krista“ bei einer Leistungsschau in Oldenburg den ersten Platz erzielte. Überglücklich hat der Mann sein Gesicht tief im Fell des Tieres vergraben. „Natürlich hängen wir an unseren Kühen“, bekräftigt Ute Tönjes.

Die Milchviehwirtschaft kann aber hartes Brot bedeuten, der Markt ist nur bedingt berechenbar, die Erzeugerpreise gehen rauf und runter und sind zuweilen so tief unten, dass mancher Milchbauer dem Druck nicht standhält und aufgeben muss. „Vor zwei Jahren bekamen wir für einen Liter Milch 20 Cent. Wir haben den Tag über gearbeitet und hatten dennoch abends weniger auf dem Konto als am Morgen“, erinnert sich Ute Tönjes. Ein solcher Preis decke nicht einmal die Kosten für Stall und Futter. Dass ihr Betrieb die unwägbare Preispolitik alles in allem gut verkraftet, liegt auch daran, dass Jan-Bernd Tönjes noch einer zusätzlichen Erwerbsarbeit nachgeht. „Das ist auch der Grund, warum wir durchaus Feierabend haben und auch in den Urlaub fahren können“, sagt Ute Tönjes. Keine Selbstverständlichkeit in der Branche. Und in ihrer Familie offenbar Motivation für die nächste Generation. Eine der drei Töchter studiert Landwirtschaft. „Es wäre schön, wenn es hier weitergeht“, erklärt die Mutter.

Ministerpräsident in Milchbar

Wie ist sie auf den Gedanken gekommen, zusätzlich zum Hof noch das Melkhus zu betreiben? „Es gab einen Aufruf in der Zeitung, der mich neugierig gemacht hat. Ich habe dann an einem Informationsabend teilgenommen und mir gefiel das Projekt“, erzählt Ute Tönjes. „Da wir direkt am Hasbruch wohnen, fahren ohnehin viele Radfahrer an unserem Haus vorbei.“ Schnell nahm der Gedanke Form an, den Radwanderern Produkte sowie Informationen zum Hof anzubieten. Inzwischen hat sie es zu einiger Popularität gebracht. Im Jahr 2009 machte Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister im Rahmen einer Wahlkampftour in ihrem Melkhus Station und warb für mehr Frauen in der Politik. Im April 2004 brachte der Radiosender NDR 1 einen lobenden Beitrag über das Projekt in Vielstedt.

Die Idee, Radler direkt vor Ort mit Milchprodukten zu stärken, entstand 2001 an der Dollart-Route. Schnell wurden auch andernorts die rustikalen Milchbars eröffnet. 2003 machte das erste Melkhuske an der Fehnroute auf, 2004 gingen die Melkhüs in der Wildeshauser Geest an den Start. Bis heute variieren Namen und Design je nach Region. Im Oldenburger Land sind die Melkhüs grüne Holzhütten mit roten Dächern und weißen Fensterrahmen. Unterstützt werden die Landfrauen hier von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen und vom Landkreis. Mit zusätzlicher Hilfe aus einem EUFörderprogramm wurde das Melkhus von Ute Tönjes realisiert. Sie musste sich verpflichten, die Milchraststätte mindestens zehn Jahre zu führen, erst dann gehört ihr das Häuschen. Für Einrichtung und Ausschank war sie von Beginn an selbst zuständig.

Es ist gemütlich in der kleinen Milchbar, auch wenn die meisten Gäste die Terrasse mit Blick auf das Spalierobst und den hübschen Bauerngarten vorziehen. Gemalte Kuhbilder hängen an den Wänden. Zu jeder vollen Stunde dringt ein Muhen aus der Kuckucksuhr über dem Tisch, die strenggenommen eine Kuhuhr ist. Leise tröpfelt die Zeit. Draußen bellt Dori. Jetzt noch ein kleines Zitronen-Sorbet. Wie lautet doch gleich ein Werbespruch aus den Neunzigern? Genau: „Die Milch macht’s.“