Franz Radziwill

Verstörende Flugobjekte über dem Deich.

Inspirationsquelle Dangast: Das Haus in dem früher Franz Radziwill lebte, ist heute ein bemerkenswertes Museum.

Er konnte alles. Der gelernte Maurer und Autodidakt Franz Radziwill (1895-1983) ist einer der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. Gestochen scharf sind seine Stillleben, gemalt mit der Präzision der Alten Meister. Verstörend seine surrealen Werke, auf denen sonderbare Flugobjekte bedrohlich über dem Jadebusen kreisen. Bedrückend die virtuosen Darstellungen des kleinen Küstenweilers Dangast, in den er sich mit nur 27 Jahren zurückgezogen hatte, um sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Melancholisch und schön der Blick vom Deich, den Radziwill immer wieder und in allen Jahreszeiten festgehalten hat. Die Kunstwissenschaft führt den jungen Radziwill unter dem Label „Expressionismus“ und ordnet den gestandenen Künstler den Stilrichtungen „Neue Sachlichkeit“ und „Magischer Realismus“ zu. Falsch, sagen andere Kunstkenner. Radziwill nehme in der Malerei der 20. Jahrhunderts eine vollkommen singuläre Stellung ein. Bis heute umstritten ist auch sein Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Franz Radziwill wuchs in Bremen als Sohn eines Töpfers auf, machte eine Lehre zum Maurer und wurde, weil er sich als begabter Schüler erwies, zum Architekturstudium an der Technischen Staatslehranstalt in Bremen zugelassen. Er belegte Abendkurse im Zeichnen und erhielt durch einen Lehrer Kontakt zu den Künstlern in Fischerhude und Worpswede.

Im Ersten Weltkrieg kämpfte Radziwill in Russland, Flandern und Frankreich und ging, nachdem er aus der englischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, Anfang der 1920er Jahre nach Berlin. Er war einerseits einem linken Milieu verhaftet und wurde 1931 Mitglied der avantgardistischen „Novembergruppe“, andererseits hatte er aber auch seit Ende der 1920er Jahre Kontakte zu national-konservativen Kreisen – ihn einer klaren „linksrechts- Richtung“ zuzuordnen, ist schlicht unmöglich.

1921 besuchte Franz Radziwill zum ersten Mal Dangast. Er kam auf Anraten von Karl Schmidt-Rottluff (1884- 1976), der den Küstenweiler 1907 als seine Inspirationsquelle voller Licht und Magie entdeckt hatte und hier gemeinsam mit Erich Heckel (1883-1970) den deutschen Expressionismus erfand. Schmidt-Rottluff hatte Radziwill vorausgesagt, dass er dem Charme des abgeschiedenen Dorfes am Jadebusen erliegen werde – und er hatte recht behalten. Nur zwei Jahre später zog Radziwill nach Dangast um – da waren Schmidt-Rottluff und Heckel längst weitergezogen. Radziwill aber blieb, kaufte sich ein Haus an der Sielstraße 3, in das er mit seiner Frau Johanna Ingeborg Haase einzog, und in dem er 60 Jahre leben und arbeiten wird. Heute ist in der ehemaligen Fischerkate mit den blau gestrichenen Fensterläden das Franz Radziwill-Haus eingerichtet. Es ist ein bemerkenswertes, sehr persönlich gestaltetes Museum, das wie eine begehbare Künstlerbiografie anmutet.

Am 1. Mai 1933 trat Radziwill in die NSDAP ein und übernahm später den Lehrstuhl von Paul Klee an der Kunstakademie Düsseldorf. Klee war zuvor bei der Partei in Ungnade gefallen und aus dem Amt entfernt worden. Aber auch Radziwill konnte sich das Wohlwollen der braunen Machthaber nicht sichern. Er wurde als „Kulturbolschewist“ verunglimpft, 1935 aus dem Lehramt in Düsseldorf entlassen und mit einem Ausstellungsverbot für Einzelausstellungen belegt. Drei seiner frühen Bilder wurden 1938 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin gezeigt.

Wenn Franz Radziwill den Krieg thematisierte, geschah dies ohne Hurra-Geschrei. Das Stillleben „Der Stahlhelm im Niemandsland“ (1933) zeigt einen zerschossen Landserhelm, der zwischen zerborstenen Pfählen liegt, um die blutroter Stacheldraht gewickelt ist. Heldenmythen werden anders geknüpft. Eines seiner Schlachtengemälde hängt als Antikriegsbild im Bremer Rathaus.

Nicht nur in seinem Werk, auch als Mensch war der Maler eigenwillig. Er setzte sich vehement für den Naturschutz ein und vertrieb auch schon mal mit der Trillerpfeife Liebespaare aus Vogelschutzgebieten. Weil ihm eitles Gehabe fremd war, berechnete er den Preis seiner Bilder nach dem Stundenlohn eines Maurers.

Seine düsteren Gewitterhimmel, aufjagenden Meereswogen, gigantischen Schiffskörper und seine mit außerordentlicher Liebe für das flache Land gemalten Küstenmotive üben eine bis heute ungebrochene Faszination aus.