XXL-Gepäck: der ökologische Rucksack

Raus mit Ballast, rein mit Genuss

Kostbar

Der ökologische Rucksack, mit dem die Bewohner der Industriestaaten unterwegs sind, wiegt schwer und treibt den Klimawandel schneller voran. Um maximal zwei Grad darf sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde erhöhen, sonst droht der Kollaps. Auf diesen Wert haben sich unabhängige Experten und Regierungen verständigt. Konkret heißt das: 2,7 Tonnen Kohlendioxid (CO2) pro Jahr und Mensch kann die Erde verkraften – und das auch nur bis zum Jahr 2050.
Tatsächlich verbraucht allein in Deutschland jeder Bürger rund elf Tonnen CO2 jährlich. Knapp 40 Prozent dieser schädlichen Emissionen gehen auf den individuellen Konsum zurück. Aber was macht den Rucksack so wuchtig? Wir haben sechs Oldenburgerinnen und Oldenburger nach ihrer persönlichen CO2-Bilanz befragt.

Keine Flüge, kein Auto

Radikal konsequent, aber vollkommen frei von der Attitüde eines Eiferers lebt Prof. Dr. Niko Peach. Der Umweltökonom arbeitet als außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Produktion und Umwelt der Universität Oldenburg und hat sich international mit der von ihm entwickelten Postwachstumsökonomie einen Namen gemacht. Sein Credo: „Wir müssen das Wachstum und unsere Ansprüche minimieren.“ Das klingt unlustig und nach Askese, aber Niko Paech ist kein Prediger der Selbstkasteiung, im Gegenteil. „Was ist so toll an einer Welt, in der man sich zwischen drei Dutzend Fernsehprogrammen, dem Internet, DVD, Einkaufscentern und anderen Zerstreuungen meint entscheiden zu müssen?“, fragt er. Viel schöner wäre es doch, sinnvoll Zeit mit sich und anderen zu verbringen. „Es kostet Kraft, auf dem Rummelplatz der glitzernden Verführungen den Überblick zu behalten“, meint Paech und empfiehlt Entrümpelung: „Wir müssen uns von Energiesklaven und Konsumkrücken befreien.“ Der Ökonom lebt, was er anregt, und wirkt ausgesprochen gut gelaunt dabei.
Durch das Fenster seines Büros fällt die Sonne in hellen Streifen. In den Regalen stehen Bücher, die der Professor überwiegend gebraucht gekauft hat. Neue Fachliteratur verleiht er gern an Studenten. Sein Zeitungs-Abo teilt er sich mit anderen. Man müsse die Waren im Kreislauf halten, lautet seine Empfehlung. Der Computer ist Universitätseigentum. Einen Laptop hat Paech nicht, auch kein Handy. Daheim steht ein alter Rechner. Paech repariert ihn regelmäßig, hat sich eigens dazu das Betriebssystem Linux beigebracht. Häufig wird Niko Paech, der noch nie ein Auto besaß, zu Vorträgen eingeladen. Aber er reist nur an jene Orte, die mit dem Zug erreichbar sind. Allein durch den kategorischen Verzicht auf das Fliegen spart er mehrere Tonnen CO2 im Jahr, denn das Flugzeug ist ein gieriger Energiefresser.
Beispiele: Ein Hin- und Rückflug von Bremen nach Mallorca schlägt mit 820 Kilogramm pro Person zu Buche. Ein Retour-Flug von Bremen nach Sri Lanka mit mehr als 5.000. Seine Kleidung kauft Niko Paech überwiegend secondhand. „Diese Hose habe ich gerade ausbessern lassen“, lacht er und zeigt auf seine Jeans. „Sieht doch nicht schlecht aus, oder?“
Zum Einkaufen geht der Vegetarier auf Wochenmärkte, sein Speiseplan ist saisonal und regional. „Statt Zitrusfrüchte esse ich Äpfel aus dem Alten Land, die schmecken vorzüglich.“ Er koche gern und genieße das, was er sich zubereite, erklärt Paech, der Mieter einer 56-Quadratmeter- Wohnung ist, die er als zu groß empfindet. Als Schwachstelle bezeichnet er auch seinen hohen Kaffeekonsum. Anders als die meisten Deutschen kennt Niko Paech seinen ökologischen Fußabdruck: 4,5 Tonnen CO2 verbrauche er im Jahr und liege damit deutlich unter dem Bundesschnitt. Es scheint, als gäbe es in seinem Konsumverhalten kaum noch Optimierungsmöglichkeiten, aber er selbst sieht das anders. Im kommenden Jahr möchte er weniger beruflich unterwegs sein. Darauf freut er sich, nicht nur der CO2-Bilanz wegen.

Einmal die Woche (auf einer Kurzstrecke) mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, spart 65 Kilogramm CO2 im Jahr. Das geteilte Zeitungs-Abo bedeutet 16 Kilogramm CO2-Ersparnis. Ein Kilogramm Ökobrot verbraucht 120 Gramm CO2 weniger in der Herstellung als ein herkömmlicher Laib. Ein Stück Biobutter punktet gegenüber einem Stück konventioneller Butter mit 425 Gramm CO2-Ersparnis. Noch besser schneidet Margarine ab: Ein Päckchen pro Monat spart 72 Kilogramm CO2 im Jahr. Grundsätzlich gilt: Wer vegetarisch lebt, dreht deutlich weniger stark an der CO2-Schraube. Eine CO2- Bombe ist Rindfleisch, auch wegen des Methanausstoßes der Tiere. Ein Kilogramm entspricht dem Verbrauch von 13,3 Kilogramm CO2. Eine Secondhand-Jeans spart gegenüber einer neuen Jeans sieben Kilogramm CO2.

Manchmal muss es Tiefkühlpizza sein

Zu Gast bei Gesa und Markus Wild. Das berufstätige Paar wohnt mit seinen beiden Söhnen (zwei und fünf Jahre alt) in einer Altbauwohnung in der Nähe der City. Auf dem Tisch im Garten stehen Bio- Salzstangen und Bio-Orangensaft. „Wir haben uns auf das Treffen vorbereitet“, sagt Markus Wild schmunzelnd. Und Gesa erzählt, dass sie einst in einer WG lebte, in der Ökokonsum großgeschrieben wurde, eine Maxime, der sie nicht immer folgte. „Nur Kohlgemüse im Winter, das kann hart sein.“ Die Wilds halten sich für mäßig bewusste Konsumenten. Aber durch ihren nicht sehr großen Wohnraum (knapp 130 Quadratmeter für vier Personen) und die Tatsache, dass sie ihre Wohnung saniert haben, sinkt ihr CO2-Verbrauch deutlich. Vor sechs Jahren hat das Paar den alten Holzfußboden sowie Dach und Hohlräume gedämmt. Die Fenster wurden zum Teil durch neue ersetzt, auch eine Außenwanddämmung gehörte zum Programm. Außerdem beziehen die Wilds Ökostrom, das schont ebenfalls die Ressourcen.
Das Wohnzimmer ist gemütlich eingerichtet. Viele der Möbel hat Markus Wild gebraucht erworben und dann selbst restauriert. Seitdem die Kinder da sind, stehen Öko-Lebensmittel häufiger auf dem Einkaufszettel. Für sich allein schiebt Gesa aber auch schon mal eine Tiefkühlpizza in den Ofen. „Da werde ich zum Öko-Rüpel und bin wohl kein gutes Vorbild“, räumt sie ein. Gesa und Markus besitzen ein Auto, das derjenige mit zur Arbeit nimmt, der die Söhne in Krippe und Kindergarten bringt. Was den Urlaub betrifft, sei man flexibel. Diesmal standen klimafreundliche Ferien auf dem Programm, die Familie machte Urlaub auf einem Bauernhof im Sauerland. Oldenburg ist bekannt für seine schlecht isolierten Altbauten. Bei wenig Dämmung verpufft die Energie durch den Schornstein und die Euros dazu. Die Fassadendämmung eines 100 Quadratmeter großen Einfamilienhauses spart 1,9 Tonnen CO2 im Jahr. Die Dreifachverglasung einer insgesamt 25 Quadratmeter großen Fensterfläche bedeutet eine Ersparnis von einer Tonne CO2 jährlich. Beide Maßnahmen addiert, bescheren der Haushaltskasse ein Plus von 840 Euro. Ein Jahr Ökostrom bessert die Ökobilanz einer vierköpfigen Familie um 1,8 Tonnen CO2 auf. Auch mit Gebrauchtmöbeln und mit Mobiliar, das aus Recyclingmaterial gefertigt wurde, lässt sich CO2 sparen. Sieben Millionen Tonnen Möbel landen in Deutschland jährlich auf dem Müll, 90 Prozent davon werden verbrannt. Ein mittelgroßer Holztisch vom Flohmarkt verringert die Konsumbilanz um rund 120 Kilogramm CO2. Die Tiefkühlpizza jedoch fügt wieder knapp ein Kilogramm hinzu.

Mit dem Rad durch Bayern

Zum Frühstück bei Ines Sabow und ihrer Tochter Lina. Beide sind vor Kurzem umgezogen und wohnen nun in einer rund 80-Quadratmeter-Wohnung im Dobbenviertel. Ihren Heizkostenverbrauch kennt die Beamtin noch nicht, aber wegen der hohen Decken und des nicht eben guten Sanierungszustands der Wohnung rechnet sie mit üppigen Kosten. Auch Ines legt größeren Wert auf bewusste Ernährung, seitdem sie Tochter Lina hat. Im Kleiderschrank von Mutter und Tochter gibt es zahlreiche Secondhand-Textilien. Ines fährt mit dem Auto zur Arbeit, „obwohl ich mir immer wieder vornehme, das Rad zu nutzen“. Durch ihr Urlaubsverhalten sinkt die bisher durchschnittliche CO2-Bilanz der beiden deutlich. Im vergangenen 222 Jahr waren sie mit dem Fahrrad im Bayrischen Wald, in diesem Sommer ging es mit dem Wohnmobil auf einen Campingplatz nach Amsterdam. Lina war zudem drei Tage beim Deichbrand-Rockfestival an der Küste. Ines Sabow kann einen Teil ihrer Arbeit Zu Hause erledigen, rund fünf Stunden sitzt sie dazu täglich am Bildschirm. „Dann bin ich froh, wenn ich den Computer abstellen kann“, erklärt sie. „Lina würde natürlich gerne rund um die Uhr online sein.“ Das kann sie aber nicht. Loggt sich Lina ein, bleibt der Rechner genau eine Stunde auf Sendung, dann ist Schluss. Aber Lina hat ihren MP3-Player, und den nutzt sie oft. In der Schule steht gerade die Erderwärmung auf dem Stundenplan. Doch es ist spürbar, dass es spannendere Themen für eine 14-Jährige gibt als ihre CO2-Bilanz.

Ein PC mit Monitor produziert in der Stunde 65 Gramm CO2. Eine Stunde fernsehen macht 60 Gramm CO2 aus, eine Stunde MP3-Player hören rund 20 Gramm. Ausgesprochen energiehungrig sind große Musikfestivals: Ein Open-Air- Konzert kommt auf die beachtliche Bilanz von 55.000 Kilogramm CO2 pro 1.000 Besucher.

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